SC Freiburg Europa League

Blickrichtung Europa

Der SC will sich gar nicht für den internationalen Wettbewerb qualifizieren? Quatsch!

Wenn schon Christian Streich einmal sagt: „Es stinkt mir gewaltig, wie wir gekickt haben“, dann weiß man, es ist etwas Ungewöhnliches geschehen. Ist es auch am vergangenen Samstag in Darmstadt — und zwar nicht nur, weil der Sportclub beim 99,9 Prozent-Absteiger mit 0:3 unterging. Auch muss man weit zurückdenken, um ein Spiel zu finden, bei dem die Akteure des SC Freiburg so kollektiv versagt haben.

Daraus nun aber abzuleiten, der SC wolle die Qualifikation für die Europa League gar nicht schaffen, ist schlicht Unfug — und für einen Fußball-Profi schon beinahe ehrverletzend.
Natürlich gibt es genügend Beispiele von Mannschaften, bei denen dem Jubel über den Einzug in den internationalen Wettbewerb die Ernüchterung in der Bundesliga folgte: Mainz etwa, Augsburg — oder der SC selbst, der die Doppelbelastung aus Europa League und Bundesliga mit dem Abstieg in der Saison 2014/15 bezahlen musste. Gleichwohl ist das kein Naturgesetz.
Deshalb nochmals deutlich: Selbstverständlich wird der Sportclub danach trachten, nächste Saison zusätzlich zu München und Köln auch nach, sagen wir mal, Lissabon oder Glasgow zu reisen — aus finanziellen, noch mehr aber aus ganz schlichten sportlichen Gründen. Denn ein Fußballer, zumal ein Profi, will immer gewinnen. Punktum.
Das unter Beweis zu stellen war für Christian Streich in Darmstadt bei der Aufstellung sogar ein solcher Antrieb, dass er der Option, dem „zweiten Anzug“ seines Teams eine Chance zu geben und Stammspieler zu schonen, widerstand. Und zwar unter anderem wegen der Befürchtung, sonst spreche man den Verantwortlichen den Willen ab, mit allen Mitteln einen Europa-League-Platz erreichen zu wollen.
Die Strategie ging angesichts der schwachen Leistung etlicher Spieler nach hinten los, was Streich prompt eingestand und die Schuld auf sich nahm. Das spricht für ihn, ist gleichzeitig aber auch ein cleverer Schachzug, die Mannschaft aus der Verantwortung zu nehmen.
Denn natürlich hat der Sportclub in den verbleibenden drei Spielen noch einiges vor — und angesichts von zwei Heimpartien hintereinander auch die Möglichkeiten dazu.
Am Sonntag (17.30 Uhr) geht es gegen den FC Schalke 04, am Samstag darauf (13. Mai) im Schwarzwald-Stadion gegen den FC Ingolstadt, bei dem dann möglicherweise schon Ernüchterung im Abstiegskampf eingezogen sein könnte. In puncto letztem Saisonspiel in der Münchener Allianz-Arena (20. Mai) fehlt einem indes etwas die Vorstellungskraft, die Bayern könnten so Meisterschafts-trunken und unambitioniert auftreten, dass sie den Freiburgern mal eben die benötigten Punkte überlassen...
Auf Platz 7 steht der SC Freiburg nun nach der Darmstadt-Klatsche: Doch Bremen hin, Hertha her — einen dieser beiden derzeit auf den Europa-League-Rängen stehenden Vereine könnte der Sportclub durchaus noch einholen.
Und wenn nicht? Kein Drama.
Richten wir nämlich auch einmal den Blick auf ein paar hinter dem SC platzierte Teams: Ob Mönchengladbach (9.), Schalke (10.) oder gar Leverkusen (13.) und Wolfsburg (15.): Der Sportclub könnte seine restlichen Spiele jeweils mit 10:0 verlieren und hätte dennoch sein Geld auch in dieser Saison viel effektiver eingesetzt als die genannten vier Mannschaften. Was zum Schluss führt: Der Sportclub hat alle Optionen, aber keinerlei wirklichen Druck.
Das sieht beispielsweise beim sonntäglichen Gegner in Gelsenkirchen völlig anders aus. Und fehlender Druck, befreites Aufspielen-Können, ist ein guter Katalysator für Erfolg. Deshalb unsere These: Der Sportclub schafft es in die Europa-League! Doch selbst wer dieser These widerspricht, kann eines nicht behaupten: Dass er es gar nicht schaffen will.
Stefan Ummenhofer

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