Pflegekräftemangel

Düstere Aussichten

Deutschland wird immer älter. Im Jahr 2060 wird etwa jeder dritte Deutsche 65 Jahre oder älter sein. Diese positive Veränderung des demografischen Wandels verdanken wir vor allem unserer guten medizinischen und pflegerischen Versorgung, heißt es seitens der Gardé Ambulanter Pflegedienst GmbH. „Doch letzteres ist in Gefahr. In Deutschland herrscht ein akuter Pflegekräftemangel.“ Schon jetzt sind fast 20.000 Stellen unbesetzt und eine Studie der Bertelsmann Stiftung prognostiziert bis zum Jahr 2030 einen Anstieg auf 500.000 fehlende Pflegekräfte. „Ein düsterer Blick in die Zukunft, der für viele schon heute Realität geworden ist.“

Ver.di Südbaden betreibt aktuell die Kampagne „Das Soll ist Voll“. „Das Soll ist voll! Und zwar am 27. des Monats“. So oder ähnlich könnte ein Ergebnis des neuen „Soll-ist-Voll-Rechners“ von ver.di aussehen. Dieser wird seit einigen Wochen in Baden-Württemberg erprobt. Sinn ist, dass Pflegeteams sich Gedanken darüber machen, wie viel Personal sie eigentlich haben müssten, um alle erforderlichen Aufgaben unter Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften durchzuführen — also um ganz normal zu arbeiten.
Im Zuge der Kampagne wurden auf 19 Stationen des Uniklinikums Freiburg Daten erhoben, welche darstellen sollen, wie sich Pflegekraftmangel in der Realität abbildet. Die Zahlen belegen, dass das Verhältnis zwischen „Soll“ und „Ist“ häufig katastrophal ist: Bei den meisten betrachteten Stationen kann der Dienstplan im letzten Drittel eines Monats gemäß der offiziellen Vorgaben nicht mehr gefüllt werden. Wenn man die Daten der 19 Stationen auf die gesamte Klinik hochrechnet, käme man auf ein Defizit von 265 Vollzeitstellen.
„Wir können den Patienten gegenüber keine angemessene Pflege mehr bieten, da wir masslos unterbesetzt sind. Viele von uns müssen als Folge dessen zehn Tage am Stück von morgens um 6 bis abends um 22 Uhr arbeiten“, beschreibt Constanze Buuck, die seit 12 Jahren als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin tätig ist, die Konsequenzen. „Da wir wissen, dass Fehlstunden personell nicht ausgeglichen werden können, gehen wir häufig auch krank zur Arbeit, da wir ein Fehlen unserem Team nicht zumuten können.“ Auch Auszubildende und Schüler leiden unter dieser Entwicklung. Ariane Bueno, die im Uniklinikum ihre Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin macht, sagt dazu: „Aufgrund des Pflegekräftemangels bekommen wir nur selten einen Mentor zur Seite gestellt und müssen uns das Lernen stattdessen selber beibringen.“ Dies hat, wie die Auszubildenden beschreiben, auch zur Folge, dass sich einige von ihnen unter diesen Bedingungen nicht vorstellen können, nach ihrer Ausbildung weiter im Uniklinikum zu arbeiten, was den Mangel an Pflegekräften weiter verschärfen würde.
Ver.di Südbaden Geschäftsführer Reiner Geis plädiert dafür, dass dringend mehr Stellen geschaffen werden müssen: „Es gibt in Deutschland 100.000 Pflegekräfte, die nicht mehr arbeiten, außerdem haben wir sehr viele, die aufgrund des Drucks nicht Vollzeit arbeiten. Es ist wichtig, dass wir durch zusätzliche Stellen die Pflegearbeit für diese Menschen wieder attraktiver gestalten, wodurch die momentan unakzeptable Personalsituation weiter entschärft werden könnte“.
„Das Soll“ ist also schon jetzt voll — Handeln dringend nötig.

Merlin Hilbertz/
Katrin Hauf


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