Doping Leichtathletik

Ein ungutes Gefühl bleibt

Pünktlich zur Leichtathletik-WM weitet sich der Freiburger Doping-Skandal aus

Höher, schneller, weiter: Noch bis Sonntag kämpfen die besten Leichtathleten in London bei den Weltmeisterschaften um Medaillen. 

„Das Publikum feuert wirklich jeden an", schwärmen Athleten wie die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper von der tollen Stimmung. Wirklich jeden? Nein, für den 100 Meter-Weltmeister Justin Gatlin gab es laute „Buuuh!“-Rufe. Und das lag nicht nur daran, dass er Usain Bolt die Gold-Medaille in seinen Abschiedslauf versaut hatte, sondern vor allem an seiner Dopingvergangenheit. Zweimal wurde der US-Sprinter bereits wegen Dopings gesperrt. Reue? Fehlanzeige.
Wenn schnelle Zeiten gelaufen, Rekorde gebrochen werden, schwingt die Unsicherheit immer mit: Ist die Leichtathletik sauber? Pünktlich zur WM zeigte die ARD eine Reportage zum Thema. Doping-Experte Hajo Seppelt rückte dieses Mal Afrikas Läufer in den Fokus. Und die Wege führen nach Freiburg.
Die Enthüllungen lassen aufhorchen: Denn es geht dabei auch um einen der besten Langstreckenläufer aller Zeiten: Haile Gebrselassie, zweimaliger Olympiasieger und ehemaliger Marathon-Weltrekordler. Nach den neuesten Recherchen der ARD-Dopingredaktion hat die Universität Freiburg bestätigt: „Er war 2004 hier.“ Das sagte Jörg Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor der Uniklinik Freiburg, gegenüber dem SWR. „Die einzigen Unterlagen, die wir finden konnten, sind Labordaten.“ Die seien jedoch „weitgehend unauffällig“, betont Siewert. Aber das zeige, dass der Ausnahmeläufer physisch anwesend war und Blut abgenommen bekommen hat. „Was er im damaligen Institut für Sportmedizin besprochen hat oder ob er Hinweise oder Empfehlungen bekommen hat, weiß ich nicht."
Damals war der Sportmediziner Lothar Heinrich, eine der zentralen Figuren im Rad-Dopingfall um das Team Telekom, noch für die Freiburger Sportmedizin tätig.
Der äthiopische Spitzenläufer selbst weicht in der Reportage zunächst aus, bestätigt dann den Kontakt zur Freiburger Sportmedizin, nicht aber zu Lothar Heinrich.
Ein Informant, der anonym bleiben wollte, erzählte in der ARD-Doku, dass Heinrich „Dopingpläne" für Leichtathleten erstellt habe.
Das Thema ist brisant, die lückenlose Aufklärung, der sich die Evaluierungskommission an der Uni Freiburg verschrieben hat, wichtig. Das zeigt auch die Reaktion des Sportwissenschaftlers Andreas Singler, der Mitglied ebenjener 2007 ins Leben gerufenen „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin" gewesen war, die sich 2016 nach wiederholten gegenseitigen Vorwürfen und Konflikten mit der Universität aufgelöst hatte.
Gegen die „mutmaßlichen Rechtsverletzungen“ habe er Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Freiburg gegen die Klinikumsleitung und den Uni-Rektor gestellt, teilte Andreas Singler am Montag mit. Der mutmaßliche Bruch von ärztlichen Verschwiegenheitspflichten durch Prof. Siewert wurde außerdem bei der Bezirksärztekammer Südbaden angezeigt. Zugleich mache der Vorgang laut Singler deutlich, dass die jetzt der Öffentlichkeit übermittelte Information „den zuvor eingesetzten und in ihrer Arbeit teils systematisch behinderten Untersuchungs-Kommissionen vorenthalten worden ist“.
Die Uniklinik weist die Vorwürfe zurück. Man habe lediglich die Recherchen der ARD-Reportage bestätigt, dass Gebrselassie 2004 in Freiburg war. Wenn man zur Aufklärung der Dopingvergangenheit beitragen könne, werde man dies auch tun.
Der Vorfall passt für Singler ins Bild, wie er schreibt: „Auch mehr als zehn Jahre nach Enthüllung des Dopingskandals zeigt sich die Leitung der betroffenen und mitschuldigen Institution nach wie vor unfähig, zu einem angemessenem Verhalten im Prozess der Aufklärung. Der Bruch des Arztgeheimnisses ist Ausdruck eines ebenso verzweifelten wie perfiden Versuches, die Verantwortung den Sportlern zu übereignen. Ich halte dies für schäbig.“
Was Haile Gebrselassie in Freiburg gemacht hat, ist unklar. Ein ungutes Gefühl aber bleibt...


Katrin Hauf

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