Wiwili Partnerstadt Freiburg

Eine überaus prägende Reise

Folge 2:

Stadtkurier-Redakteur Bülent Gençdemir über den Besuch in der nicaraguanischen Partnerstadt Wiwili

(sk). Die Stadt Wiwili liegt im Norden Nicaraguas, nur 20 Kilometer von der honduranischen Grenze entfernt. Die Verbindungen des durch den Fluss Rio Coco zweigeteilten Ortes zu Freiburg begannen 1980, als der Freiburger Arzt Antonio Pflaum dort als Aufbauhelfer arbeitete. Der politisch linksstehende Pflaum wurde 1983 von den „Contras“ ermordet, die die sandinistische Regierung bekämpften. Das gleiche Schicksal widerfuhr dort 1986 Berndt Koberstein, einem weiteren Freiburger Entwicklungshelfer.

1988 wurde zwischen Freiburg und Wiwili eine „Städtefreundschaft“ geschlossen, die weniger eine klassische Partnerschaft war als vielmehr der Versuch, die Lebensbedingungen in einer der ärmsten Regionen in einem der ärmsten Länder Mittelamerikas zu verbessern. 2015 wurde das nach unterschiedlichen Angaben zwischen 75.000 und 95.000 Einwohner zählende Wiwili dann zur offiziellen Partnerstadt.
Die Hauptprobleme des Ortes liegen in der Trinkwasser- sowie in der Elektrizitätsversorgung.


"Von Chicago über Houston flog ich nach Nicaragua zur Hauptstadt Managua. Mit Mütze, Schal und Winterjacke stieg ich bei 32 Grad Celsius aus dem Flieger und eine schwüle Luft machte mir zu schaffen. In Chicago hatte es vor knapp drei Stunden noch minus fünf Grad und Schneefall gehabt.

Am nächsten Morgen wurde ich bereits um 6 Uhr abgeholt. Die Reise nach Wiwili begann in einem Geländewagen, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Mit dabei der Nicaraguaner Victor und sein deutscher Kollege aus Freiburg, der Hydrologe Philip Grimm. Philip bereitete sich für den „Tag des Wassers" in Wiwili vor.
Die Fahrt dauerte knapp sieben Stunden. Über Stock und Stein ging es gen Norden zu Freiburgs Partnerstadt. Ich konnte meinen Augen kaum trauen, fühlte mich bereits während der Fahrt mindestens 100 Jahre zurückgeworfen. Hier gab es keine asphaltierten Straßen, von Verkehrsschildern ganz zu schweigen. Ich wollte mich im Wagen auf meine Arbeit vorbereiten, aber mehr als der Schwerkraft entgegenzuwirken ist mir nicht gelungen.
Plötzlich war die Straße zu Ende. Vor uns versperrte der Fluss Rio Coco die Durchfahrt. Wir stiegen aus und überquerten mit einem Floß den See. Die Wiwili Brücke aus Freiburg wäre hier Gold wert. Es war tatsächlich eine andere Welt. Die Menschen sahen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. „Weißer Mann" nannten sie mich. Den Blicken und der schwülen Hitze ausgesetzt waren wir nun angekommen. Die Armut stand den Bewohnern förmlich ins Gesicht geschrieben. Hier war alles provisorisch und einfach gehalten. Der Strom, das Wasser, die Kommunikation, einfach alles. So zu leben wäre für uns niemals denkbar. Ein krasser Gegensatz zu meiner zuvor besuchten Freiburger Partnerstadt, dem US-amerikanischen Madison.
Nach Tagen intensiver Gastfreundschaft der Einwohner Wiwilis und der stromfreien Nächte in der Baracke wurde mir klar: Wir in Deutschland machen uns ununterbrochen Gedanken über überflüssige Dinge, die der nicaraguanischen Bevölkerung nie in den Sinn kämen.
Hier in Wiwili gibt es dafür echte Probleme: Keine Straßen. Kein Geld für Bildung oder ordentliche Hygiene. Die Kinder spielen mit Stöcken und Erdklumpen auf den Straßen. Die Menschen hier sind auf externe Geldquellen angewiesen, weil sie es aus eigener Kraft nie schaffen würden. Es ist ein Einblick in eine Welt, die mich stark berührt hat, gar traurig stimmt. Dies bewegt mich dazu, die Patenschaft für die kleine Sophie zu übernehmen. Mit nur 30 Euro kann ein Kind einen Monat lang für die Schule versorgt werden.
Trotz der Patenschaft blieb ich verwöhnter Europäer. Natürlich konnte ich auf der Pritsche nicht schlafen. Ständig fielen Brocken von der Decke direkt in mein Gesicht. In der Früh fand ich Fledermauskot im Bett... Aber irgendwann sagte ich mir, was soll´s: Wenn diese Menschen so leben können, werde ich es auch können. Eine Reise, die mich im wahrsten Sinne des Wortes geprägt hat."


Wer sich über eine Patenschaft informieren möchte: www.wiwili.de. Die Kinder danken es.

0 0
Feed