Sergio Giordani Padova

„Ganz besondere Verbindungen“

Paduas Bürgermeister Sergio Giordani über die Partnerschaft mit Freiburg und das Jubiläum

Als 1965 das Angebot aus der norditalienischen Stadt Padua zu einer Partnerschaft mit Freiburg eintraf, waren die einen euphorisiert, die anderen in Sorge. Erst zwei Jahre zuvor war man in Freiburg die Städtepartnerschaft mit Innsbruck eingegangen, und man fürchtete nun aufgrund der österreichisch-italienischen Dispute um die Autonomie Südtirols zwischen die Fronten zu geraten. Die Sorge war aber unbegründet - und so entwickelte sich die 1967 begründete Partnerschaft mit der heute 220.000 Einwohner zählenden Stadt sehr schnell und positiv. Ehemals habsburgisch ist Padua heute die Hauptstadt der Region Veneto.

Padua ist wie Freiburg eine Bischofs- und Universitätsstadt. Die Universität, die heute 60.000 Studierende umfasst, wurde im Jahre 1222 gegründet und gehört zu den Ältesten der Welt. Zahlreichen Kirchen, monumentale Plätze und Baudenkmäler prägen die Silhouette der sehenswerten Altstadt. Das Grab des Heiligen Antonius ist Ziel vieler Pilger.
Eine schöne Anekdote gibt es aus dem Jahr 1995 - zu einem Zeitpunkt, in dem die Partnerschaft zwischen Padua und Freiburg nicht ganz so intensiv gelebt wurde: Die Freiburger warteten anlässlich des 875-Jahres-Jubiläums auf die Delegation aus Padua, doch die kam einfach nicht. Nach allgemeiner
Irritation tauchten die Italiener viele Stunden später doch noch auf: Sie hatten zunächst versehentlich das schweizerische Freiburg (Fribourg) angesteuert...


Über etliche Monate hatte Padua keinen Bürgermeister. Erst ganz neu im Amt ist Sergio Giordani, der uns dennoch gerne für ein Interview zur Verfügung stand.


SK: Wie ist die Partnerschaft zwischen Freiburg und Padua entstanden und wie hat sie sich entwickelt?


Giordani: Die Partnerschaft mit Freiburg, deren 50. Jubiläum wir dieses Jahr gedenken, entstand in einem besonderen Moment der Geschichte. Nach zwei Weltkriegen, die in ganz Europa Tod und Zerstörung gebracht hatten, arbeiteten Staatsmänner wie Schuman, Adenauer und de Gasperi daran, Formen der Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den Staaten einzurichten, die mögliche zukünftige Konflikte verhindern sollten. So entstand auch die Idee der Partnerschaft zwischen unseren beiden Städten: 1965 trat der Freiburger Oberbürgermeister Dr. Keidel eine Reise nach Padua an und traf unseren damaligen Bürgermeister Cesare Crescente. Aus ihren Gesprächen entstand die Idee der Partnerschaft, die unser Stadtrat am 24. Juli 1967 beschloss. Seitdem ist die Beziehung zwischen den beiden Städten immer sehr eng und lebendig gewesen und die Aktionen sowohl in Freiburg als auch hier in Padua, die vorbereitet wurden, um den 50 Jahren dieser Freundschaft zu gedenken, verdeutlichen das gut.


SK: Was an dieser Partnerschaft ist besonders?


Giordani: Die Verbindungen zwischen unseren beiden Städten sind ganz besonders und haben Jahrhunderte alte Wurzeln. Beide Städte haben eine ähnliche Größe, ungefähr 200.000 Einwohner, beide sind Bischofssitze und haben eine wichtige Universität. Der Austausch von Professoren und Studenten zwischen den beiden Unis besteht sogar seit 1400, als der erste Medizinprofessor an der Universität Freiburg 1472 Rektor in Padua war. Man muss hinzufügen, dass die Beziehungen immer sehr lebendig gewesen sind, auch aus wirtschaftlicher Sicht. Im 18. Jahrhundert trafen aus Freiburg Silber und Produkte aus der Kristall- und Halbedelsteinverarbeitung ein, während wir zum Beispiel Seide exportierten. Es ist also eindeutig, dass die Beziehungen zwischen den beiden Städten nicht etwas künstlich am Tisch Vereinbartes sind, sondern Frucht eines jahrhundertelangen Austauschs von Erfahrungen und Wissen, der sich von der Kultur bis zur Wirtschaft ausdehnt.


SK: Gibt es konkrete Projekte, die durch den Verdienst dieser Partnerschaft entstanden sind?


Giordani: Das Schöne an der Partnerschaft mit Freiburg ist, dass sie in diesen 50 Jahren zahlreiche Aktionen ins Leben gerufen hat, was auch Personen und Einrichtungen außerhalb der Verwaltung einschließt. Es ist unmöglich, an alle Projekte und Veranstaltungen zu erinnern, ich beschränke mich darauf, einige zu nennen. Seit 16 Jahren ist jedes Jahr ein Konzert von Opern- und Kammersängern aus Freiburg veranstaltet worden, und zahlreiche weitere Musikensembles und Chöre sind im Laufe der Jahre in unseren Kirchen und Theatern aufgetreten. Eine Gruppe behinderter Paduaner hat an einer Veranstaltung in Freiburg zum Thema Inklusion und bauliche Barrieren teilgenommen, auch die Zusammenarbeit in Aktionen zu alternativen Energien und zum Klima ist sehr wichtig gewesen. Außerdem haben viele Jugendliche an Fußballturnieren teilgenommen, die von Freiburger Verbänden organisiert worden sind. Aber von besonderer Bedeutung ist aus meiner Sicht die Partnerschaft zwischen der Handwerkskammer Freiburg und der Provinzvereinigung der Handwerker Padua, die das Projekt „Job is my life" verwirklicht hat.


SK: Welche konkreten Vorteile hat Padua durch die Partnerschaft? Welche Freiburg?


Giordani: Der andauernde Austausch von Informationen, Erfahrungen und Zusammenarbeit im kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und sportlichen Bereich hat sicherlich Vorteile für beide Städte geschaffen. Man muss nur die Aktivitäten betrachten, die für das 50. Jubiläum gedacht sind: Die Ausstellung von Freiburger Künstlern auf höchstem Niveau „Kaleidoskop Freiburg" im Kulturzentrum Altinate und unsere Teilnahme am Markt der Partnerstädte Freiburgs mit einem Stand mit Touristeninformationen über Padua, das Thermengebiet und die typischen Erzeugnisse aus unserer Region. Ich erinnere auch daran, dass im Herbst Paduaner Künstler in Freiburg ausstellen und dass unsere Stadt ein Werk des Meisters Levolella schenken wird. All diese Veranstaltungen sind Gelegenheiten für Begegnung und Austausch, die weitere Möglichkeiten erzeugen.


SK: Es gibt also Effekte, die beiden Städten auch im Alltag nutzen?


Giordani: Abgesehen von dem ethischen und kulturellen Wert der Partnerschaft an sich, der allein schon sehr positiv zu sehen ist, würde ich hier eine der Aktionen, auf die ich zuvor angespielt habe, als Beispiel nennen: Die Zusammenarbeit zwischen der Handwerkskammer Freiburg und unserer Provinzvereinigung der Handwerker: Die Gastfreundschaft für fast ein Jahr von 7 bis 8 Jugendlichen in Freiburg, um konkret zu lernen - nicht nur die Sprache, aber auch einen handwerklichen Beruf, um ihn einmal nach Italien zurückgekehrt ausüben zu können - ist ein konkretes und greifbares Ergebnis. Dieses hat in einem Moment wie diesem, in dem viele junge Menschen Schwierigkeiten haben, eine Arbeit zu finden, großen Wert. Sicher sind das nur wenige Jugendliche jedes Jahr, aber für sie kann dies eine Erfahrung sein, die ihr Leben verändert.


Das Gespräch führte
Bülent Gençdemir

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