Komplette Fassungslosigkeit

Komplette Fassungslosigkeit

Der Fall ist widerlich und schockiert selbst hart gesottene Ermittler. Und er wirft Fragen auf — an die Gerichte, an das Jugendamt, an den Bewährungshelfer. Und nicht zuletzt und vor allem an das Zusammenspiel dieser ganzen Institutionen.
Die Fakten: Am vergangenen Donnerstag teilten Staatsanwaltschaft, Landeskriminalamt und Polizei mit, man habe einen Pädophilenring im Raum Freiburg zerschlagen, es gehe um den „anhaltend schweren sexuellen Missbrauch“ eines heute neun Jahre alten Jungen. Bereits im September 2017 seien ein „einschlägig vorbestrafter“ 37-Jähriger sowie die 47-jährige Mutter des Jungen festgenommen worden. In Haft seien zudem ein ebenfalls einschlägig vorbestrafter 40-Jähriger aus dem Raum Freiburg, ein 49 Jahre alter Soldat, ein 37-jähriger Schweizer sowie ein 32-jähriger Spanier.
Der Mutter des Jungen und deren Lebensgefährten werden nicht nur eigene, mit Gewalt und Drohungen einhergehende Missbrauchshandlungen an dem Jungen zur Last gelegt. Ihnen wird außerdem vorgeworfen, den Jungen im „Darknet“ anderen Pädophilen gegen Geld für Missbrauchshandlungen überlassen zu haben. Der Junge ist offenbar zwei Jahre lang wiederholt an verschiedenen Orten im Großraum Freiburg missbraucht und vergewaltigt worden. So weit, so unfassbar.
Bei dem „einschlägig vorbestraften“ 37-Jährigen handelt es sich um den zuletzt in Staufen wohnhaften Christian L., der erstmals 2005 wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. 2010 wurde L. unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Die von der Nebenklage beantragte Verhängung der Sicherungsverwahrung gegen den bekannten Pädophilen wird von der Richterin abgelehnt: Der Mann habe „eine zweite Chance verdient“...
Als L. Anfang 2014 wieder freikommt, lautet eine der Bewährungsauflagen, er dürfe nur unter Aufsicht eines Erziehungsberechtigten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben. Doch schon im Verlauf des Jahres 2015 — L. ist nun mit der Mutter des späteren Opfers liiert — kommt es zu den ersten Missbrauchsfällen. Und 2016 zieht der verurteilte Sexualstraftäter mit der Mutter und dem Jungen nach Staufen, läuft alleine mit dem Jungen durch den Ort. Im März 2017 — die Misshandlungen dauern schon weit mehr als ein Jahr an — läuft ein Ermittlungsverfahren gegen L. an, weil dieser entgegen der Bewährungsauflagen bei Mutter und Sohn wohnt. Das Jugendamt Breisgau-Hochschwarzwald nimmt das Kind aus der Familie — doch nicht lange.
Die Mutter, die nach Erkenntnis der Ermittler zu diesem Zeitpunkt schon zahllose Male ihren Jungen gegen Geld Vergewaltigern überlassen hat, legt Widerspruch dagegen ein und das Familiengericht lehnt schließlich ab, das Kind von seiner Mutter zu trennen. Das Oberlandesgericht bestätigt diese Entscheidung.
Die Misshandlungen und Vergewaltigungen gehen weiter, bis am 10. September 2017 ein anonymer Hinweis beim BKA auf den dauerhaften Missbrauch des Kindes eingeht. Sechs Tage später wird L. vor einem Supermarkt festgenommen, auch die Mutter wird verhaftet. Das Martyrium des Jungen ist vorläufig zu Ende — er kommt in eine Pflegefamilie. Einen Tag später knacken die Ermittler den Pädophilenring und nehmen nach und nach weitere Männer fest.
Während die Polizei bei der Aufarbeitung des schrecklichen Verbrechens bislang engagierte Arbeit leistet und letztlich auch die Festplatte des Computers von Christian L. aus dem Staufener Stadtsee bergen kann, häufen sich die Fragen an andere Institutionen, denen bestenfalls „Dienst nach Vorschrift“ vorgeworfen wird. Und die sich nun gegenseitig die Schuld zuschieben beziehungsweise „keinen konkreten Auftrag“ gesehen haben, wie es etwa das Sozialdezernat des Landkreises formuliert. Das Oberlandesgericht verlautet, es sei nicht davon ausgegangen, dass dem Jungen auch von der Mutter Gefahr drohe... Auch darüber, wie die Auflagen gegen den ortsbekannten Pädophilen von staatlicher Seite hätten überprüft werden sollen, herrscht Uneinigkeit.
Mit unter Beschuss: Das Jugendamt des Landkreises und damit letztlich auch Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU). Das Amt steht zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit in der Kritik: 2015 war der drei Jahre alte Alessio aus Lenzkirch von seinem Stiefvater getötet worden, nachdem das Jugendamt eine Inobhutnahme beendet hatte. Im Fall des angeblich minderjährigen Hussein K., der wegen des mutmaßlichen Mordes an der Studentin Maria L. derzeit immer noch vor dem Freiburger Landgericht steht, hatte das Jugendamt ohne Genehmigung eine Erziehungsstelle eingerichtet. Nun also der Fall Christian L..
Was sagt die Politik? Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) spricht davon, die Rolle von Behörden und Justiz müssten „kritisch hinterfragt“ und das Geschehen „transparent und gründlich“ aufgearbeitet werden.
Wie es aussieht, dürfte dies eine Herkulesaufgabe sein...

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