Türkei Referendum Freiburg

Riss selbst durch Familien

Wie sich der Streit um Erdogan auf in Freiburg lebende Türken auswirkt

Umstritten war die Abstimmung in der Türkei in Sachen Präsidialsystem bereits im Vorfeld. Umstritten ist auch das Ergebnis von etwas mehr als 51 Prozent für den türkischen Präsidenten Erdogan. 

Die Stimmung hat sich auch in der Freiburger türkischen „Community“ in letzter Zeit geändert, sie ist nach übereinstimmenden Aussagen aufgeheizter geworden. Die Tatsache, dass mehr als 63 Prozent der in Deutschland lebenden Türken — und immerhin mehr als 61 Prozent im Wahllokal Karlsruhe, in dem die meisten Freiburger abgestimmt haben — für die Machterweiterung Erdogans votiert haben, besorgt viele: Türken, Deutsche und Deutschtürken. Wir haben die beiden türkischstämmigen Mitglieder des Freiburger Gemeinderates gefragt, ob sie vom Ergebnis überrascht waren und wie es jetzt ihrer Meinung nach weitergehen wird.
Türkan Karakurt (SPD) meint, die Zahlen insbesondere der Abstimmung in Deutschland seien „für mich als Sozialdemokratin bitter, wenngleich sie mich nicht völlig überrascht haben“. Karakurt wird deutlich: „Es stellen sich hier ernsthafte Fragen hinsichtlich der politischen Bildung dieser Menschen. Viele von ihnen haben nach Gefühl und weniger in Kenntnis der politischen Folgen dieses Referendums gestimmt.“
Die Politologin hofft, dass sowohl die beiden Regierungen als auch die Gesellschaften im Dialog miteinander bleiben. Klar ist ihr aber: „Das deutsch-türkische Verhältnis wird größeren Belastungsproben ausgesetzt sein.“ Das gilt ihrer Einschätzung nach aber auch für das Verhältnis vieler Türken untereinander: „Klar ist, dass ein Dialog zwischen Anhängern und Kritikern von Staatspräsident Erdogan generell schwer möglich ist.“ Denn: „Wenn jede Kritik an der AKP als Türkeifeindlich diffamiert wird, ist eine politische Debatte nicht möglich.“ Gerade das sei aber wichtig: Die Diskussion müsse dringend aus der emotionalen Ecke heraus und versachlicht werden.
Dabei kritisiert Türkan Karakurt auch einige der in Deutschland lebenden Türken: „Als Stadträtin sorge ich mich, wenn Türkeistämmige mehr Leidenschaft für die Politik in der Türkei aufbringen als für kommunale Belange in unserer Stadt. Wenn das die Botschaft ist, die sie ihren Kindern geben, läuft einiges falsch.“
Auch die Freiburger Stadtgesellschaft sei nun gefordert, „den Dialog mit denen zu suchen, die ihre politische Heimat in Deutschland noch nicht gefunden haben“.
Grünen-Stadtrat Ibrahim Sarialtin sagt, er habe mit diesem Ergebnis der Abstimmung „weder gerechnet noch es gewünscht“. Allerdings betont er, die Wahlbeteiligung habe bei den in Deutschland lebenden Türken nur bei knapp 50 Prozent gelegen, so dass das Ergebnis nicht den Schluss zulasse, dass hier vorwiegend Erdogan-Anhänger lebten. Sarialtin: „Für mich ist das Ergebnis auch eine Trotzreaktion auf die durchweg negative Berichterstattung in Deutschland über Erdogan.“
Er sei jedenfalls froh, dass der Wahlkampf nun vorbei sei, denn man habe den Riss innerhalb der deutsch-türkischen Gesellschaft bemerkt. Dieser sei teilweise auch mitten durch die Familien gegangen. Sarialtin weiter: „Auch wir in der Kommunalpolitik müssen selbstkritisch sein und uns fragen, was wir falsch gemacht haben.“
Und wie geht es weiter? Es gebe keine Alternative dazu, die Diskussionskultur zu intensivieren. „Wir brauchen einander gegenseitig und müssen aufeinander zugehen“, folgert Sarialtin. In Sachen Erdogan müsse man abwarten, was die Zeit bringe und wie das im Jahr 2019 eingeführte Präsidialsystem in der Türkei sich entwickle. „Weitere Spaltungen nützen auf jeden Fall niemandem“, so der Grüne.
Dass es diese geben wird, scheint gleichwohl gut möglich.

Autoren: Bülent Gençdemir / Stefan Ummenhofer

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