Bülent Gencdemir Iran Isfahan Esfahan Freiburg

Überraschende Modernität

Teil 5: Stadtkurier-Redakteur Bülent Gençdemir über seinen Besuch in der iranischen Partnerstadt Isfahan

Bei meinen Reisen quer durch die Welt geht es nicht um herkömmliche Artikel der Freiburger Partnerstädte, denn davon gibt es reichlich. Vielmehr geht es um meine persönlichen Erlebnisse mit Menschen, deren Kulturen und Bräuche. Nun also die Reise ins iranische Isfahan. Gleich vorweg: Mein Schwerpunkt wird nicht die Religion oder die Politik sein. Es geht mehr um eine Partnerschaft zwischen zwei verschiedenen Städten in zwei verschiedenen Systemen. 


Wie gewohnt wurde ich auch in Isfahan schon am Flughafen empfangen. Mein künftiger Begleiter und Dolmetscher war der junge Student Hossein Golestane, der in Isfahan deutsch studiert und die Sprache auch ziemlich gut spricht. Nachts auf der Fahrt vom Flughafen über die Autobahn zum Hotel wurde ich in die Lebensweise der Iraner eingeführt: Hier hat die Religion die oberste Priorität. Homosexualität und Ehebruch wird mit dem Tode verurteilt und Alkohol ist verboten. Ich nahm das Ganze als verstanden zur Kenntnis. 


Gleich am nächsten Morgen wurde ich vom Gebet des Muezzins geweckt. Vor dem Hotel wartete mein Fahrer Mojtaba zusammen mit Hossein. Beide hatten bereits ihr Gebet hinter sich gebracht. 


Die Fahrt ging in eine wunderschöne, sehr saubere und lebendige Altstadt, die mich stark staunen ließ. Modern gekleidete junge Menschen prägten die Gassen und Straßen der weltläufig anmutenden Großstadt, was durchaus konträr zu meinen Erwartungen war. Die Kopftücher der Frauen waren oft als Zierde hinter dem Haar angebracht und als Schal in Szene gesetzt. Unter dem Tschador blitzten enge Jeans und europäische Oberteile, modische Sonnenbrillen machten das Outfit komplett. Bunte Farben und lachende Gesichter begegneten mir während der Dreharbeiten ununterbrochen - wieder mal ein Beweis dafür, dass man sich nicht von Vorurteilen leiten lassen sollte. 


Mit offenen Armen empfangen besuchten wir jede öffentliche Einrichtung. Das Fantastische in Isfahan – die Kathedrale inmitten der City. Hier leben Christen und Moslems Seite an Seite, und das - so wurde mir jedenfalls mehrfach vermittelt - ohne Probleme und Sorgen, zumindest in Isfahan selbst. 


Als Europäer hatte ich natürlich gleichwohl auch ungeklärte Fragen, die mich beschäftigten. Aber auch hier gilt der Spruch: Andere Länder, andere Sitten. 


Ich war zu Gast bei abendlichen Veranstaltungen, bemerkte junge Menschen aus der Distanz flirten und wurde sogar selbst einmal Zielobjekt - so nahmen es zumindest meine Begleiter wahr. Eine Einheimische gab mir etwas und dabei berührten sich unsere Hände. Anscheinend wusste sie, was sie tat, ich hingegen habe es nicht einmal bemerkt... 


Das ist ein großer Unterschied zwischen Deutschland und dem Iran: Die Diskretion ist ein hohes Gut. Die Menschen, die ich traf, gaben sich von ihrer Staatsform überzeugt. Sie seien stolz darauf, ein Teil dieser Gesellschaft sein zu dürfen, die sich größtenteils von der Außenwelt abgeschottet hat, um so zu leben, wie sie es für richtig halten. Dass im Iran moderate und sehr beharrende Kräfte miteinander ringen, haben derweil ja auch die jüngsten Wahlen gezeigt. Im Kontakt mit westlichen Menschen ist mir die stete Sorge aufgefallen, falsch dargestellt zu werden. So bat man mich, den Iran nicht als „terroristisch“ zu brandmarken. Anlass dazu hat man mir in Isfahan auch nie gegeben. 

Bülent Gençdemir

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