Maria Henselmann

Vier Jahre Ungewissheit

Das Schicksal der vermissten Freiburgerin Maria gibt mehr denn je reichlich Rätsel auf

13 Jahre alt war die Freiburgerin Maria Henselmann, als sie verschwand und die Suche nach ihr ganz Deutschland bewegte. Jetzt ist Maria 17, nach wie vor verschwunden und ihr Fall, der sich zum vierten Mal jährt, längst nicht mehr in den Schlagzeilen. Ihre Mutter hat die Hoffnung gleichwohl nicht aufgegeben.

Rückblick: Der 4. Mai 2013. Die 13-jährige Maria kehrt nicht nach Hause zurück, alsbald wird eine große Suchaktion eingeleitet und die Polizei ist sich sicher: Maria ist mit einem 40 Jahre älteren Mann, dem aus Blomberg (Nordrhein-Westfalen) stammenden Bernhard Haase unterwegs. Die beiden hatten sich im Internet kennengelernt, wo sich Haase als „Karlchen“, 14 Jahre alt, ausgab. Der Elektriker wird seither mit internationalem Haftbefehl gesucht, selbst die Fernsehfahndung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ widmete sich diesem Fall, strahlte einen Appell von Marias Mutter Monika B. aus. Ermittelt wird gegen den inzwischen 57-jährigen Haase wegen Kindesentziehung und schwerem sexuellen Missbrauch.
Vor allem in den sozialen Medien entwickelte sich in der ersten Zeit eine überaus rege Suche nach dem Mädchen. Die letzte verlässliche Spur des vermeintlichen Paares datiert vom 13. Juli 2013: Da wird der graue Skoda Haases in der südostpolnischen Stadt Gorlice gefunden. Auch den weißen Schäferhund des Mannes spürt die Polizei auf — er ist angeleint an ein Gartenhäuschen. Im September 2013 melden sich dann noch Zeugen in Tschechien, die Maria und Bernhard Haase zusammen gesehen haben wollen. Verifiziert ist diese Spur allerdings nicht.
Mehr als 900 Hinweise gab es seit dem Verschwinden Marias insgesamt, abgearbeitet hat die Freiburger Polizei alle. Inzwischen ist nur noch ein Hauptsachbearbeiter mit dem Fall betraut. Ab und zu tröpfelt mal wieder eine Spur ein: 16 waren es 2015, 18 im Jahr 2016. Meist eine potenzielle Sichtung des Mädchens, das langsam zur jungen Frau wird. Allgemein gilt aber: Seit beinahe vier Jahren ist die Freiburgerin wie vom Erdboden verschluckt.
Die Polizei geht von einer „gewissen Freiwilligkeit“ aus, dass Maria dem vier Jahrzehnte älteren Mann also ohne — zumindest körperlichen — Zwang folgte. Marias Mutter sieht das anders: „Inzwischen glaubt keiner, der dich persönlich kennt, mehr an eine Freiwilligkeit“, postete Monika B. vor kurzem auf ihrer Facebook-Site, auf der sie ihre Tochter zum 17. Geburtstag gratulierte. Längst sei ihr klar, „dass dein Entführer nicht der gewaltfreie, treu sorgende Familienvater ohne Freunde ist“. Monika B. schließt ihren Facebook-Beitrag mit einem kaum verbrämten Vorwurf: „Warum findet man dich nicht? Oder will man dich nicht finden?“
Zur weiteren Verwirrung tragen auch Beiträge in Tageszeitungen aus Nordrhein-Westfalen bei, laut der ein Bekannter des verschwundenen Mannes vermutet, Bernhard Haase sei vom Verfassungsschutz als Mitarbeiter angeworben worden — und habe vor seiner Flucht plötzlich über viel Geld verfügt. Nachprüfbar ist das alles nicht.
Beinahe 500 Personen werden jährlich im Gebiet der Polizeidirektion Freiburg als vermisst gemeldet: 441 waren es 2015, 447 vergangenes Jahr. Glücklicherweise nehmen fast alle ein gutes Ende. Ein ähnlich spektakulärer Fall wie der von Maria war nicht darunter.
Derweil wartet Monika B. weiter auf die Rückkehr ihrer Tochter — seit nunmehr 1453 Tagen.


Autor: Stefan Ummenhofer

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