Lviv Bürgermeister Andrij Sadiwyj Freiburg

„Wir ticken sehr ähnlich“

Lviv’s Bürgermeister Andrij Sadiwyj im Gespräch mit Bülent Gençdemir

Die Stadt Lviv


Lviv (Lemberg) hat eine alte Geschichte, die bis in das Jahr 1250 zurückreicht. Heute hat die siebtgrößte Kommune der Ukraine mehr als 700.000 Einwohner und gilt als außerordentlich beliebt. Freiburg wurde noch zu Zeiten des Kalten Krtieges auf Lviv aufmerksam: Nachdem man mit Madison bereits eine US-Partnerstadt hatte, wollte man nun auch eine im sowjetischen Machtbereich. Der damalige UdssR-Botschafter Kwizinski empfahl im Januar 1988 Lviv, der Partnerschaftsvertrag wurde dann 1990 unterzeichnet. Erst im Jahr darauf feierte die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Lviv als größte Stadt in der Westukraine wird oft als „heimliche Hauptstadt“ bezeichnet. In der mittleralterlichen Innenstadt befinden sich 10 Prozent aller ukrainischen Denkmäler. Mit 13 Theatern, 20 Museen, 63 Kirchen und zwei Synagogen ist Lviv eine kulturelle wie intellektuelle Hochburg. 2009 erhielt Lviv den Titel „Kulturhauptstadt“, 2012 war das dortige Stadion im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft zweimal Spielort von Partien der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Lviv gilt als „Stadt der schlafenden Löwen“ - überall an Fassaden und Skulpturen finden sich Abbildungen dieses Wappentieres.


SK: Worin besteht die Partnerschaft - grundsätzlich und ganz konkret?


Sadowyi: Freiburg war Lviv´s erste Partnerstadt - und das bereits im vorigen Jahrhundert. Lviv gehörte damals noch zur Sowjetunion. Heutzutage ist es wichtig für uns, die Erfahrung der „grünen“ Technologien aus Freiburg zu übernehmen. Wir planen die Realisation eines gemeinsamen Projektes, das sehr nützlich für Lviv sein wird. Wir ticken sehr ähnlich, denn Lviv und Freiburg sind beides Städte der Wissenschaft, Städte - in denen sich die neuesten Technologien entwickeln. Freiburg ist in diesem Bereich viel weiter als Lviv. Deshalb werden wir die Erfahrung von interessanten Projekten aus Freiburg übernehmen.


SK: Hat die Partnerschaft denn wirklich spürbare Auswirkungen?


Sadowyi: Natürlich. In den letzten Jahren wurde die Zusammenarbeit viel intensiver: Zahlreiche Gäste besuchen uns aus Freiburg - und umgekehrt. Es gibt den Schüleraustausch, interessante Konferenzen, Delegationen aus Lviv, die nach Freiburg reisen, um Erfahrungswerte zu übernehmen.


SK: Was ist die Besonderheit der Zusammenarbeit?


Sadowyj: Wir sind ein Bildungs- und Forschungszentrum und unsere Geschichte ist nicht wirklich einfach. Aber ich bin mir sicher, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben, weil sie auf Glauben und Bildung basiert. Das ist immer die beste Grundlage.


SK: Welchen Eindruck hat Freiburg auf Sie hinterlassen?


Sadowyi: Freiburg ist wahrlich eine wunderbare und dynamische Stadt, die einen hervorragenden Oberbürgermeister hat. Dieter Salomon kümmert sich sehr um die Stadt und seine Menschen. Das nehmen wir bis hierher wahr. Freiburg verändert sich positiv. Ich glaube an seine große Zukunft. Freiburg ist bereits eine der mächtigsten Städte der Bundesrepublik.


SK: In wiefern prägt Ihre Stadt Lviv Ihr Leben?


Sadowyj: Lviv ist Vorbild für viele ukrainische Städte. Wir sind die Kulturhauptstadt. Wir entwickeln uns stark im IT-Bereich und jedes Jahr können wir eine Steigerung von mindestens 15 Prozent beobachten. Auch der Tourismus ist stark angestiegen. Letztes Jahr hatten wir über zwei Millionen Touristen in der Stadt. Erfreulich ist, dass diese Dynamik sich immer weiter entwickelt. Auch Engineering ist ein großes Thema in unserer Stadt. Wir stellen Elektrobusse und Straßenbahnen für unsere Bürger. Das alles hat Dynamik - trotz der schweren Situation, die wir in der Ukraine haben: Lviv dominiert und geht immer weiter nach vorne. 


SK: Welches gemeinsame Erlebnis mit Freiburg können Sie nicht vergessen?


Sadowyi: Als ich das letzte Mal in Freiburg war, haben wir das Partnerschaftsmemorandum nach 25 Jahren neu unterzeichnet. Es gab eine filmische Präsentation, in der Lviv gezeigt wurde, wie es in den 90er- Jahren aussah. Ich hatte ein sehr komisches Gefühl dabei. Denn Lviv ist heute sehr modern. Die Vergangenheit auf dem Bildschirm brachte mich jedoch auf eine Idee: Dieser Film sollte unbedingt Lviv zugänglich gemacht werden. Denn daraus erkennt man die Entwicklung der letzten Jahre. Die Menschen haben größtenteils schon vergessen, wie es früher einmal war. Ich danke Freiburg für diese Initiative. Wir werden nun einen weiteren Film drehen und diesen den Freiburger Bürgern zeigen, damit sie den Unterschied erkennen. Außerdem laden wir alle zu uns nach Lviv ein. Ihr werdet euch hier wie Zuhause fühlen, dessen bin ich mir sicher.


SK: Welche Gemeinsamkeiten zwischen Freiburg und Lviv können Sie erkennen?


Sadowyj: Wir lieben das Leben und die Menschen. Beide Städte sind zudem Vorbilder unserer jeweiligen Länder. Diese Atmosphäre aus Freiburg kann man nicht einfach so weitergeben, man muss dahin gehen, Kaffee trinken, sich mit den Menschen unterhalten. Wir haben uns bereits mit Dieter Salomon verabredet. Vielleicht werden wir einen runden Tisch organisieren: Freiburg-Lviv. Wir laden Wissenschaftler ein, um über die Zukunft unserer Länder zu sprechen. Einige Jahre zuvor war die Ukraine noch in einem gewissen friedlichen Schlaf. Wir konnten uns damals nicht vorstellen, dass es Kriege geben wird, dass wir angreifbar wären. Heute denke ich, dass Europa sich in solch einem Schlaf sich befindet. Vieles kann sich schnell ändern, wenn man nicht an Morgen denkt, wenn man sich nicht um Sicherheiten kümmert, wenn man nicht die Wahrheit erkennt. Wer ist unser Feind und wer unser Freund? Das sind sehr wichtige Fragen, die beantwortet werden müssen.


SK: Es gibt Projekte aus Deutschland, um osteuropäische Städte zu fördern. Mit Lviv wurde gerade ein solches besiegelt. Was können Sie darüber erzählen?


Sadowyj: Das ist ein sehr spannendes Projekt. Wir hatten gemeinsam einen Antrag über 500.000 Euro gestellt. Hierbei handelt es sich um moderne Technologien, die man in Lviv anwenden kann. Natürlich wird auch der Stadthaushalt damit mitfinanziert werden. Es ist eben dabei auch wichtig, verschiedene Hersteller aus Deutschland zu uns einzuladen, damit sie genau hier investieren, um beispielsweise neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wissen Sie, die Städte sind allgemein viel schneller in der Zusammenarbeit als die Länder - und das man muss positiv nutzen!

Das Interview führte
Bülent Gençdemir

0 0
Feed